Weichheit ist Lebendigkeit

In einer Welt, die sich gerne verhärtet und verheddert, das Weiche und Zarte pflegen. Leben ist Bewegung und Fluss. Um beweglich zu bleiben, braucht es Weichheit. Gerade der Körper zeigt uns dies eindrücklich auf. Ausgehend von einer persönlichen Erkenntnis und inspiriert durch einen meiner Lieblingsverse aus dem Tao-Te-King, Gedanken rund um das Zarte und Weiche im Leben.  

Dieses Jahr habe ich mir ein neues Fahrrad gekauft. Die Leichtigkeit, die mich nun täglich begleitet ist unbeschreiblich schön. Ich wundere mich, was habe ich so lange gewartet, mir mein Leben leichter zu machen?

Obwohl ich seit Jahren stets mit dem Fahrrad unterwegs bin, begnügte ich mich bisher mit alten Velos. Mein Letztes war wunderschön und auch unglaublich schwer. Es hatte nur 7 Gänge und in der letzten Zeit waren davon wohl noch so 3 wirklich brauchbar.  Wenn es steil wurde, musste ich also schieben. Was bei einem schweren und meist noch gut beladenen Fahrrad, auch nicht unbedingt leichter wird.

Es brauchte den Austausch in der Praxis mit einer guten Freundin. Sie hatte vor Kurzem auf ein E-Bike umgestellt. Als sie mir davon erzählte, sagte sie einen Satz, den ich nur zu gut selbst kannte:

„Ich sagte mir immer, macht nichts, wenn das Fahrradfahren ein bisschen streng ist, das ist gratis Training“. 

Wie kommt es, dass wir uns bei alltäglichen Dingen, gerade auch als Frau, das Leben strenger machen wollen?

Immer noch ein bisschen eins oben drauf setzen. Noch ein bisschen zusammenreissen, etwas kräftiger in die Pedale treten und durchziehen. Geht schon. Echt jetzt? Was ist mit Leichtigkeit, Weichheit und Entspannung? Wieso heben wir uns die auf für die besonderen Momente? Aber unter der Woche und im Alltäglichen, immer schön durchhalten. Keine Zeit für Leichtigkeit.

Dies ist nur ein kleines Beispiel. Doch ich staune immer wieder selbst, wie stark der Reflex ist, durchzuhalten und bloss keine vermeintliche Schwäche zu zeigen. Mehr und mehr aber erwische ich mich dabei und kann, wie mit dem Fahrrad, neue Wege einschlagen. Mir erlauben, die Dinge leichter und weicher zu machen.

Dabei hilft mir einer meiner Lieblingsverse aus dem Tao-Te-King:

Der Mensch ist weich & zart,

wenn er geboren wird;

wenn er gestorben ist,

ist er steif & starr.

 

Gräser & Bäume sind biegsam & zart,

wenn sie das Licht der Welt erblicken;

wenn sie tot sind,

sind sie dürr & trocken.

Darum ist das Harte & Starre

dem Tod nahe,

das Zarte & Nachgiebige

ist dem Leben nahe.

 

Darum wird eine starke Armee keine Schlacht gewinnen;

ein starker Baum wird gefällt werden.

Das Harte & Starke wird unterliegen;

Das Weiche & Zarte wird siegen.

Tao-Te-King, Vers 76

 

Der Wert des Weichen und Zarten ist in unserer Kultur wenig vertreten. Wir loben Leistung, huldigen Effizienz und verbinden Stärke eher mit Härte, wie mit Weichheit. Der Vers erinnert uns, dass alles Lebendige sanft und weich ist.

Besonders gut können wir das an unserem eigenen Körper erfahren. Was verhärtet ist, tut über kurz oder lang weh. Dort wo es uns schmerzt, können wir uns meist auch nicht gut bewegen. Das Harte und Starre schränkt unsere Leben ein.

Darum ist das Harte & Starre

dem Tod nahe,

Ein toter Körper ist hart und starr. Im Alter schwinden unsere Körperflüssigkeiten, wenn wir sie nicht genügend pflegen. Alles wird spröde und dadurch gebrechlicher. Damit Weichheit und Lebendigkeit erhalten bleiben, braucht es Bewegung und Fluss.

Der menschliche Körper besteht zu einem hohen Anteil aus Flüssigkeiten. Blut, Qi und jede Menge Körperflüssigkeiten machen unser Inneres aus. Auch unsere inneren Organe sind weich, Lunge, Herz, Magen, Leber oder Niere brauchen Elastizität und Weichheit, um ihren Funktionen gerecht zu werden.

das Zarte & Nachgiebige

ist dem Leben nahe.

Ein besonders schönes Beispiel ist die Lunge, weich und nachgiebig in Einem. Die Beschreibung von Giulia Enders in ihrem Buch „Organisch“ verdeutlicht das wunderbar:

„Bei jedem Atemzug schmiegt sich die Lunge an ihr Umfeld an – …. Durch dieses harmonische Zusammenspiel können unsere Muskeln ihre Atembewegungen tausendfach am Tag wiederholen, ohne zu ermüden. Nur durch kluge Weichheit reicht die Kraft…..

Nirgendwo in unserem Körper sind wir so verletzlich und fein gebaut wie hier.“

Ohne Atem ist Leben nicht denkbar. Und wie interessant, dass dieses überlebenswichtige Bedürfnis mit so einem weichen und zarten Organ verbunden ist. Zentral ist bei der Atmung auch die Anpassung, das Nachgiebige. Nochmals Guilia Enders:

„Lungen … passen sich permanent ihrem Umfeld an.“

Leben ist nebst Weichheit also auch die Fähigkeit sich anzupassen, mitzuschwingen mit dem was ist. Und diese Anpassung fällt definitiv leichter, wenn Strukturen weich sind. Mit Weichheit erhalten wir uns Beweglichkeit. Beweglichkeit ist Voraussetzung, um flexibel auf das was uns begegnet zu reagieren.

Das gilt für den Körper ebenso wie für unsere Gedanken und Gefühle. Auch hier hilft es, wenn wir nachgiebig und weich bleiben. Es ist eher die Strenge, die dafür sorgt, dass wir den einen Punkt nicht loslassen können und in Gedankenschlaufen hängen bleiben. Oder das Harte, das Gefühle lieber weghaben möchte und sie so noch stärker an sich bindet.

Das Harte & Starke wird unterliegen;

Das Weiche & Zarte wird siegen.

Dieser Satz ist wunderschön und für einen westlich sozialisierten Geist doch auch immer wieder ein Stolperstein. So lange wurden die Geschichten gefeiert, in denen der/die Stärkste siegte. Oder wo nach langer, harter Arbeit, sich der Erfolg einstellt.

Was wenn wir uns mehr an der Weichheit unseres Körpers orientieren:

  • Nachgiebig wie die Lunge mitschwingen, mit dem was uns entgegenkommt.
  • Uns danach ausrichten, wo die Dinge fliessen.
  • Uns darin üben weich zu bleiben, mit uns sowie den Anderen.

Lasst uns die Zartheit und Verletzlichkeit menschlichen Lebens als unsere Stärke anerkennen. Sie machen uns anpassungs- und somit überlebensfähig.

Pflegen wir das Zarte und Weiche. Indem wir lauschend, mitfühlend und neugierig bleiben. Es kann gut sein, dass uns Leben so mit Leichtigkeit gelingt.