Schmerz & Mitgefühl

Ich habe dieser Tage einen mir sehr lieben Menschen verloren. Mein Vater ist nach einem langen und glücklichen Leben friedlich eingeschlafen. Dieser Tod lässt mich an die unzähligen Menschen denken, die gerade in so vielen Kriegen dieser Erde alles andere als friedlich ihr Leben verlieren. Und an die Hinterbliebenen, die oft nicht nur einen geliebten Menschen verlieren wie ich, sondern manchmal die gesamte Familie.

Mein eigener Schmerz lässt mich nur leise erahnen, wie schrecklich und verloren man sich fühlen muss, wenn so viel Leid auf einmal geschieht. Und es ist vielleicht gerade auch mein eigener Schmerz, der mich noch stärker mitfühlen lässt.

Wie kann es sein, dass Krieg immer noch unsere einzige oder bevorzugteste Lösung von Konflikten ist? Haben all das Elend und der Schmerz vergangener Kriege uns nichts gelehrt? Was tun angesichts des aktuellen Schreckens?

Hinschauen und sich dem Schmerz stellen.

Ich denke es ist unabdingbar, dass wir als Menschheit lernen den Schmerz auszuhalten und durch ihn hindurch zu wandern. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass weniger Gewalt und Ungerechtigkeit herrschen würde, wenn wir uns nicht so oft davor verschliessen würden. Dass es uns Menschen demütiger und gleichzeitig auch resilienter macht, wenn wir dem Schmerz die Türe öffnen, statt ihn zu verdrängen.

Wer hinschaut, bleibt nicht unberührt zurück. Wer sich berühren lässt, fühlt mit.

Schmerz bricht uns auf. Er öffnet uns und kann, wenn wir es zulassen, den Weg frei machen für Mitgefühl. Mitgefühl ist ein Weg, in eine gerechtere und friedliche Welt.

Viele spirituelle Traditionen sprechen immer wieder von einem grossen Netzwerk, in das alle bewussten Wesen eingebunden sind. Auch unsere moderne globalisierte Welt zeigt uns auf, wie abhängig wir voneinander sind und wie verbunden alles ist. Diese Verbundenheit geht über wirtschaftliche Beziehungen hinaus, wir alle teilen unser Menschsein und damit auch unsere Verletzlichkeit und Vergänglichkeit.

 

 

Womit nähre ich dieses Netzwerk Leben? Mit wohlwollenden Gedanken und Mitgefühl? Oder mit Ausgrenzung und Trennung?

Alles fängt immer wieder bei uns an.

Auch wenn ich mit meinem Mitgefühl den Krieg in der Ukraine oder in Gaza nicht beende. Jeder Mensch mehr, der sich für Mitgefühl entscheidet, ist ein Tropfen Frieden in den grossen Ozean dieser Menschheit. Jeder Mensch, der Mitgefühl und Frieden in seiner Gemeinschaft pflegt, wärmt Herzen und diese wärmen wiederum andere. Jeder Mensch, der sich seinem Schmerz stellt, stellt sich immer auch seiner eigenen Verletzlichkeit. Wenn wir unsere eigene Verletzlichkeit und Vergänglichkeit annehmen, werden wir bescheidener und demütiger.

Demut verneigt sich vor dem Wunder Leben. Sie nimmt ihren Platz ein im grossen Ganzen.

Alle aktuellen Krisen in denen wir uns bewegen, von Kriegen bis hin zur Klimakrise, lassen sich nur bewältigen, wenn wir als Menschheit einen Bewusstseinswandel schaffen. Von Trennung hin zu Verbundenheit. Von Angst hin zu Mitgefühl.

Wenn wir uns wahrhaftig als eingebunden in das grosse Ganze erleben, wird Umweltschutz eine Selbstverständlichkeit. Wenn wir uns als eine Menschheit, als eins, begreifen, wird es unmöglich die „Anderen“ auszugrenzen oder zu entmenschlichen. An diesem Bewusstseinswandel können wir alle täglich arbeiten. Im Kleinen wie im Grossen.

Mögen wir den Schmerz umarmen und unsere Herzen dem Mitgefühl öffnen. Jeden Tag aufs Neue. Weil eine andere Welt möglich ist.

Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, I can hear her breathing.”

 Arundhati Roy

 

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